An vielen Tagen im Jahr betreten wir unsere Schule und halten uns dort lange Zeit auf. Nehmen wir das Schulgebäude noch bewusst wahr? Der Architekt, Herr Rudolf Sandhoff aus Aachen, hat in der Architektur wichtige Dinge zum Ausdruck gebracht, die die Arbeit in unserer Schule betreffen. So betritt man die Schule über einen weiten, großzügigen Vorplatz. Die Schule öffnet sich zur Umgebung; denn sie ist selbst ein Teil der Umgebung. Aus der Gesellschaft empfängt die Schule Anregungen und Anfragen, setzt sich mit ihnen auseinander und gibt Impulse zurück. Die Schülerinnen und Schüler sollen vorbereitet werden auf das verantwortungsbewusste Leben in dieser Welt.

Die Schule soll kein anonymer Großbetrieb werden. Deshalb haben wir uns dafür eingesetzt, dass die Schülerzahl unter 1000 blieb. Zu der Zeit, als unsere Schule geplant wurde, entstanden Gesamtschulen mit 2000 bis 3000 Schülern. Man war der Meinung, durch eine möglichst große Schülerzahl ein umfangreiches Kursangebot zur Differenzierung anbieten zu können. Demgegenüber war es unser Ziel, die Schule überschaubar und persönlich zu gestalten. Diese Überschaubarkeit unterstützte Herr Sandhoff auch durch eine klare Gliederung des Gebäudes. Die Erschließung erfolgt durch zwei Treppenhäuser. Von jedem Treppenhaus gelangt man im 1. Obergeschoß in zwei Flügel mit je 4 Klassenräumen und einem Gruppenraum. Ursprünglich hatten wir hier die vier Parallelklassen eines Jahrgangs untergebracht. Um im Sinne Montessoris eine Öffnung der einzelnen Jahrgänge zueinander zu ermöglichen, wurde später eine 5., 6., 7. und 8. Klasse nebeneinander in einem Flügel beheimatet. Das hat den Vorteil, dass jede Klasse vier Jahre in einem Raum bleiben kann. Es lohnt sich also, diesen Raum individuell zu gestalten.
   
Die einzelnen "Häuser" sollen sich aber nicht voneinander isolieren. Alle sind ja Schüler einer Schule. Der Architekt hat deshalb als Gegengewicht zu den Flügeln des Gebäudes das zentrale "Forum" gestaltet. Es sollen Gespräche, Informationen, Fest und Feier ermöglichen. Hier treffen alle Verkehrswege des Hauses zusammen. Dadurch, dass das erste Obergeschoß in das Forum mit einbezogen ist, entsteht eine Verbindung der verschiedenen Ebenen. Das Gebäude wird durchsichtig. Man erfährt voneinander, lernt sich kennen. Gemeinschaft wird erfahrbar. Einmal im Jahr, bei der Weihnachtsfeier, ist wirklich die ganze Schule im Forum versammelt.

Der Mensch ist grundsätzlich Mitmensch. Aber wie wird Mitmenschlichkeit möglich? Wo findet sie ihren Grund? Einen Hinweis geben zwei Räume, die im Mittelpunkt des Schulgebäudes direkt am Forum liegen.   Beide Räume haben einen achteckigen Grundriss. Vielleicht erinnern sie uns an das Oktogon des Aachener Domes, der Kirche unseres Bischofs.
Der eine Raum trägt den Namen: "Raum der Stille".
Ein kleines Fenster lässt nur gedämpftes Licht ein. Es wurde von dem Künstler Ludwig Schaffrath gestaltet. Die drei Grundfarben blau, gelb und rot brechen sich in das Spektrum des Regenbogens. Eine schöne Christus-Ikone gibt dem Raum seine Ausrichtung. Im gleich großen Nebenraum, der sich mit einem großen Fenster zum Schulhof hin öffnet, lädt eine eingelassene Sitzstufe ein, im Kreis zu sitzen, miteinander zu singen, zu musizieren, zu sprechen und zuzuhören. Stille und Dialog werden als die beiden Brennpunkte mitmenschlichen Lebens erfahren. Unsere Schule integriert körperbehinderte Schülerinnen und Schüler. Alle Ebenen des Gebäudes sollen ihnen zugänglich sein. Im Gebäude und auch im Pausengelände stoßen wir deshalb immer wieder auf Rampen. Die beiden Aufzüge sind nicht versteckt, sondern werden bewusst durch eine auffällige Graphik hervorgehoben.

  
"Hilf mir, es selbst zu tun!" So umschreibt Maria Montessori ihr pädagogisches Programm. Hilfe zur Selbständigkeit bietet unser Schulgebäude in vielfältiger Form: die Regale für Arbeitsmittel in den Klassen, die Bibliothek mit dem anschließenden Schülerarbeitsraum, die Arbeitsnischen auf den Fluren, die Übungsräume im naturwissenschaftlichen Trakt und der Schulgarten, die Werkstätten für die Arbeit mit Holz, Metall, Keramik und Textil, die Küche und das Fotolabor, die Fachräume für Kunst und Musik, sowie die Sporthalle und die Informatikräume. Das schöne Gebäude, für das wir dem Schulträger und dem Architekten sehr dankbar sind, ermöglicht uns vielfältige Aktivitäten. Es liegt an uns allen, das Gebäude so verantwortungsvoll zu bewohnen, dass wir uns auch künftig darin wohlfühlen.

Peter Ortling
(Schulleiter an der Montessori-Gesamtschule bis 2003)


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